Kanada - Alaska - Russland - Weltumrundung 1999

Kapitel 1 - Anreise und Kanadischer Yukon Teil 1/2

Kapitel 2 - Kanadischer Yukon Teil 2/2

Kapitel 3 - Alaska

Kapitel 4 - Transsibirische Eisenbahn

Kapitel 5 - Moskau und Ankunft

 

Die Reise beginnt wie so viele in Frankfurt am Flughafen. Wir haben den im Sommerflugplan angebotenen Direktflug nach Whitehorse in Kanada gebucht. Es ist August in Deutschland und wir haben tolles Wetter, was bei uns die Befürchtung schürt, daß wir jetzt aus dem Sommer in die Eiseskälte Kanadas fliegen. Doch wir sollten uns irren ... an Island vorbei und über Grönland hinweg, setzt der Pilot bald zum Landeanflug auf Whitehorse an. Er fliegt bestimmt eine halbe Stunde lang relativ flach über den endlosen Wald und man kann sich eigentlich gar nicht vorstellen, daß hier irgendwo mitten in der Wildnis ein Flughafen sein soll, auf dem eine 767 landen kann. Doch irgendwie schaffen wir es dann doch und sind überrascht. Hier ist phantastisches Wetter und wir können eigentlich sofort die kurzen Hosen auspacken.

Wir begeben uns ins Hotel und müssen feststellen, daß sich zumindest zu dieser Jahreszeit sehr viele Deutsche und Schweizer in Whitehorse aufhalten. Der Rest des Tages wird mit Sightseeing in Whitehorse verbracht. Die Stadt an sich ist keine Sehenswürdigkeit, lohnen tut sich lediglich der Besuch der Klondike, eines am Fluß abgestellten Raddampfers, den man gegen Gebühr besichtigen kann, sowie der Lachsleiter, die es den Lachsen ermöglicht, an der bei Whitehorse aufgestauten Stelle des Yukon gegen den Strom die Staumauer zu überklimmen. Auch die in der Nähe angesiedelten Quellen sollen einen Abstecher wert sein.

Auf dem Weg von Whitehorse nach Skagway

Da wir noch einen Tag zur Verfügung haben, bevor wir mit dem Kanu losfahren wollen, mieten wir uns kurz entschlossen ein Auto und fahren nach Skagway, am unteren Ende Alaskas. Der Weg dorthin führt durch eine phantastische Landschaft, vorbei an Lake Bennett, Emerald Lake, der kleinsten Wüste der Welt, und vielen anderen Stellen, an denen man einfach anhalten muß, um die beeindruckende Weite auf sich wirken zu lassen. Vereinzelt sieht man mitten im Wald Einfahrten zu Privatgrundstücken. Was mag die Menschen dazu bewegen, in dieser Einöde zu leben, wie ist das Leben im Winter ?

Lake Bennett

Ab und zu kreuzt man die Schienen der White Pass & Yukon Railroad, die heutzutage aber nur noch für Touristen von Skagway bis Frazer unterwegs ist. Die rostigen Schienen können aber bis nach Whitehorse verfolgt werden. Nach circa 2 Stunden Fahrt erreicht man den höchsten Punkt der Reise, gleichzeitig auch Grenze zu Alaska. Von dort geht es steil bergab, an der Grenzstation vorbei schnurgerade nach Skagway hinab. Links sieht man die in den Fels gebaute Whitehorse und Yukon Railroad, die an dieser Stelle auch noch befahren wird. Zu Skagway selbst gibt es nicht viel zu sagen. Der Ort strotzt nur so von Touristen, die mit ihren riesigen Luxuskreuzfahrtschiffen hier anlegen und einige Stunden im Ort verbringen, mit der Eisenbahn fahren oder einen Ausflug mit dem Flugzeug an einen der nahegelegenen Gletscher machen. Wenn man Naturliebhaber ist, lohnt es sich eher, eine Stunde mehr für den Rückweg nach Whitehorse einzuplanen, um die Landschaft zu genießen und den ein oder anderen zusätzlichen Halt einzulegen.

Der Tag der Abfahrt mit dem Kanu ist der Tag der Wahrheit. Wir sind nicht besonders kanuerfahren und haben uns schon alle theoretischen Möglichkeiten ausgemalt, ein Kanu zu steuern, ohne jemals in einem gesessen zu haben. Auch die hohe Geschwindigkeit, die der Yukon bei unserer Ankunft in Whitehorse hatte, hat uns daran zweifeln lassen, jemals unbeschadet vom Ufer wegzukommen. Das Kanu ist gemietet und beladen, wir stoßen uns vom Ufer ab und es klappt. Wenn man es nicht darauf anlegt, sollte es einem nicht gelingen, das Kanu an dieser Stelle umzukippen, da hier nur wenige Wellen sind. Anders sieht das auf dem Lake Laberge mit seinen Wellen aus, was sich später zeigen wird. Den Rest des Tages fahren wir den Fluß ohne Zwischenfälle hinab. So gegen vier Uhr nachmittags suchen wir uns eine Stelle zum Übernachten und werden direkt nach der Einfahrt zu Lake Laberge in der rechten Ecke des Sees fündig.

Ein Wort zur Ausrüstung: Es empfiehlt sich nicht, an der falschen Stelle zu sparen. Ganz wichtig ist schnelltrocknende Kleidung, wasserdichte Überkleidung, ein weitestgehend wasserdichter Rucksack, wasserdichtes Schuhwerk, gute Streichhölzer, ein guter Schlafsack, sowie eine gute Isomatte und ein gutes Zelt. Folien sind auch sehr effektiv, um Wasser abzuhalten, sei es von oben oder von unten, oder vielleicht als Segel, wie man später sehen wird. Die Mitnahme einer Tonne für das wasserdichte Aufbewahren von Lebensmitteln und (Not-)kleidern sollte als obligatorisch gelten. Diese Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Die Nacht verbringen wir in aller Ruhe, anfänglich noch von den Geräuschen des Waldes aufgeschreckt, die einen schon beim kleinsten Knacksen aufhorchen und glauben lassen, ein zähnefletschender Grizzly würde sich dem Lager nähern.

Schon früh paddeln wir los. Ab hier beginnt die Durststrecke. 30 Meilen See sind zu durchpaddeln, keine Strömung mehr, die einen von alleine vorantreibt. Zwei Tage haben wir bis ans Ende des Sees geplant. Doch es sollte anders kommen.

Schon nach wenigen Stunden setzt ein schräg von hinten kommender Wind ein, der immer stärker wird. Es türmen sich Wellenberge auf, die für ein normales Boot wahrscheinlich kein Problem darstellen würden, für ein Kanu tun sie es jedoch. Wir paddeln so gut es geht senkrecht zu den Wellen, versuchen zu kreuzen, immer mit dem Risiko verbunden, beim Wenden des Kanus in einer Periode mit kurzzeitig weniger Wellen, Wasser ins Boote geschwemmt zu kriegen. Dies passiert auch zweimal. Als wir zweimal beinahe beim Wenden kentern geben wir für diesen Tag entnervt auf, ohne nennenswert Strecke gemacht zu haben. Das Abschätzen der auf dem See zurückgelegten Strecke ist ohnehin schwierig, da man nicht immer Navigationspunkte zur Verfügung hat. Im Zweifelsfalle geht es immer geradeaus am Ufer entlang. Verfahren kann man sich an dieser Stelle nicht.

Lake Laberge

Der nächste Tag präsentiert sich keineswegs besser. Immer noch hohe Wellen. Wir fahren hinaus und erleben das gleiche wie am Vortag. Als wir wiederum beinahe kentern und es wirklich mit der Angst zu tun bekommen, in das wenige Grad kalte Wasser gekippt zu werden und dann den ganzen Weg zum Ufer schwimmen und dabei das Kanu und die Ausrüstung hinter uns herzuziehen zu müssen, fahren wir wieder ans Ufer, wo wir dann auch noch unsanft auf die Steine gespült werden, jedoch ohne daß das Kanu Schaden nimmt. Den Rest des Tages verbringen wir am Lagerfeuer, nur wenige hundert Meter von der letzten Lagerstelle entfernt. Der See bietet vom Ufer aus gesehen ein phantastisches Bild und verliert einen Teil seiner Bedrohlichkeit.

Am Ufer des Lake Laberge

Als wir am dritten Tag feststellen müssen, daß sich die Windverhältnisse eher noch verschlechtern, liegen die Nerven blank. Eigentlich sollten wir heute vom Ende des Sees ab wieder den Fluß befahren, tatsächlich habe wir vermutlich gerade zwei drittel des Lake Laberge hinter uns. Gedanken schießen uns durch den Sinn. Was ist mit dem Rest der Reise, alles war doch aufeinander abgestimmt ? Wir sehen unsere Felle davonschwimmen. Wir fahren ein paar Meter, ständig von großen Wellen umgeben, kommen nur sehr langsam voran.

An einer Stelle sehen wir rechts am Ufer ein kleines Boot und etwas Holz liegen. Da das rechte Seeufer quasi unbewohnt ist und dies die ersten Anzeichen menschlicher Zivilisation seit Tagen sind, überlegen wir nur kurz bevor wir anlegen, um die Leute, sofern denn überhaupt welche vor Ort sein sollten, anzusprechen. Was wir antreffen übertrifft unsere Erwartungen. Ein komplettes Wohnhaus mit Menschen und ungefähr 100 Huskies. Da es noch sehr früh ist, klopfen wir erst ca.1,5 Stunden später an. Wir werden freundlich empfangen, man kann uns aber auch nicht weiterhelfen.

Wir gehen mit der Tochter des Hauses und ihrem Lieblingshusky ans Seeufer, um uns zu beratschlagen, was aber leider nur recht bescheidene Ergebnisse hervorbringt. Plötzlich sehen wir in einigen Metern Entfernung einen anderen Kanuten am Ufer entlangfahren, der uns etwas zuruft, was wir aber nicht verstehen können. Er legt an und erst dann sehen wir, daß genau an dieser Stelle ein grüner Sack angespült worden ist.

Es stellt sich heraus, daß unsere unverhoffte Begegnung aus Deutschland kommt. Er ist den Tag zuvor gekentert und hat so ziemlich alles verloren, was man verlieren kann. Das Zelt, den Schlafsack, seine Nahrungsmittel, die Rettungsweste, die er dummerweise nicht angezogen hatte und das Ersatzpaddel. Als er nach dem Kentern zehn Minuten lang im kalten Wasser schwimmend sein Boot an Land ziehen mußte, hatte er hinterher kein Gefühl mehr in den Beinen. Die Nacht verbrachte er in einer Plane eingewickelt unter seinem Kanu.

Wir beraten uns mit unserem Leidensgenossen, was man tun könnte. Eine Besserung der Windverhältnisse ist in den nächsten Tagen nicht zu erwarten. Jemand kommt auf die Idee aus den beiden Kanus einen Katamaran mit Segel zu bauen. Dies würde uns die nötige Stabilität und Geschwindigkeit geben. In unserer Situation ist uns so ziemlich jeder halbwegs realistisch klingende Weg recht, um uns vorwärts zu bewegen. Also nehmen wir einige der herumliegenden Planken - vielleicht waren diese ehemals schon in einem der den Yukon zur Goldrauschzeit hinunterfahrenden Schaufelraddampfer verbaut gewesen - und machen uns ans Werk. Zwei Bäume werden für die Befestigung des "Segels" gefällt und alles wird mit den uns zur Verfügung stehenden Seilen und Schnüren so gut es geht festgezurrt. Wir haben keine Ahnung, ob das seltsame Gefährt uns voranbringt oder ob es nicht alles nur noch schlimmer macht. Wir schieben unsere Barkasse ins Wasser und springen an Bord.

"Arche Noah"

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Kapitel 2 - Kanadischer Yukon Teil 2/2