Kanada - Alaska - Russland - Weltumrundung 1999

Kapitel 2 - Kanadischer Yukon Teil 2/2

Kapitel 1 - Anreise und Kanadischer Yukon Teil 1/2

Kapitel 3 - Alaska

Kapitel 4 - Transsibirische Eisenbahn

Kapitel 5 - Moskau und Ankunft

Langsam und vorsichtig paddeln wir vom Ufer weg. Was uns schnell klar wird, ist dass unser Gefährt durch die Verbindung der beiden Kanus deutlich an Stabilität gewonnen hat. Dies alleine würde schon ausreichen, um wenigstens einigermaßen voranzukommen. Als wir jedoch ein paar Hundert Meter gefahren sind, merken wir, dass auch unser Segel Wind bekommt und uns einen Teil der Arbeit abnimmt. Wir haben Glück, dass der Wind und die Wellen genau von hinten kommen. Nach und nach gewinnen wir an Fahrt, es geht in den Wellen bergauf und bergab, die Bretter quietschen, wir hoffen, dass die Seile die wechselnde Beanspruchung mitmachen. Wir erreichen allein durch die Segelkraft eine ansehnliche Geschwindigkeit und die Befürchtung, dass unsere beiden Masten der Belastung möglicherweise nicht standhalten, erweist sich als unbegründet.

Segelnd über den Lake Laberge

Wir können es kaum fassen. Innerhalb weniger Stunden hat sich eine Situation, die uns ziemlich ausweglos erschien, in das krasse Gegenteil verwandelt. Und das alleine dadurch, dass wir mitten in der tiefsten Wildnis einen Menschen getroffen haben, dem es noch schlimmer als uns ergangen ist und der zufällig auch noch aus unserem Land kommt. Die Not schweißt zusammen. Nach und nach hören wir komplett auf zu paddeln und widmen uns anderen Dingen. Einer angelt, der andere raucht und der dritte legt sich ein bißchen rückwärts auf den hinter ihm liegenden Rucksack. Das Grinsen über soviel Glück kriegen wir kaum noch aus dem Gesicht. Das Ufer zieht in einer Geschwindigkeit an uns vorbei, die wir niemals mit Paddeln erreicht hätten und in nur vier Stunden haben wir uns dem Ende des Sees genähert. Dort treffen mehrere Faktoren zusammen. Zum einen staut sich dort der von hinten kommende Wind auf und verursacht immer höher werdende Wellen. Dies alleine wäre nicht so schlimm, aber gleichzeitig können wir den Ausfluß aus dem See nicht früh genug erkennen. Wir schießen mittlerweile mit einer für ein Kanu unglaublichen Geschwindigkeit über die hohen Wellen. Sobald sich das Kanu auch nur ein bißchen parallel zu ihnen stellt, spritzt Wasser in kleinen Mengen ins Kanu und wir müssen den Kurs mit hohem Kraftaufwand korrigieren. Als wir die Stelle ausmachen, an der wir aus dem See herausfahren können, müssen wir feststellen, dass es um dorthin zu kommen, notwendig ist, ein Stück parallel zu den Wellen zu fahren. Wir haben gar keine andere Wahl, als es zu versuchen. Da wir zu diesem Zeitpunkt schon relativ nahe am Ufer sind verursacht das flacher werdende Wasser noch höhere Wellen, als auf der Mitte des Sees. Eine Welle schwappt ins Boot, zwei Männer paddeln weiter, während der eine versucht, das Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Die zweite Welle schwappt ins Boot, unmittelbar danach die dritte. Einer schreit noch "wir saufen ab" und dann sinkt das den Wellen zugewandte Boot wenige Meter vor dem Ziel. Wir retten uns durch einen Sprung ins Wasser, um uns am noch schwimmenden Kanu festhaltend mit stoßenden Schwimmbewegungen ans Ufer zu befördern. Irgendwann haben wir mit den Füßen Bodenkontakt und schieben unseren Katamaran an Land.

Katamaran-Überreste

Danach muß alles ganz schnell gehen. Raus aus den nassen Kleidern, die einzigen noch trockenen Notkleider aus der wasserdichten Tonne holen, ein großes Feuer machen und sofort wärmen. Die nassen Sachen werden überall aufgehängt und an Pfählen ums Feuer zum trocknen aufgespießt. Die Stimmung ist dennoch gut, das Schlimmste haben wir überstanden, den See. Wir beschließen, am nächsten Morgen, sehr früh aufzustehen, da zu dieser Zeit noch kein Wind ist und wir so ungehindert die letzten Meter aus dem See ausfahren können.

Kleider naß - Stimmung gut

Die folgende Nacht verbringen wir im Schlafsack in Planen eingewickelt im Freien, da unser Zelt komplett durchnäßt ist. Es ist um die null Grad Celsius, ein klarer Sternenhimmel, das Lagerfeuer knistert und der See plätschert. Einer sagt: "Das kannst du mit Geld nicht bezahlen" und keiner will ihm widersprechen.

Am nächsten morgen wird um fünf Uhr aufgestanden, um bei Windstille aus dem See ausfahren zu können. Wir wollen kein Risiko mehr dabei eingehen. Es ist unglaublich kalt. Wir haben am Abend vorher schon alles soweit gepackt, um schnell wegzukommen. Ein Müsliriegel und dann geht's los. Es liegt etwa ein Meter Nebel über dem See und wir schieben unsere Kanus in das gespenstische Weiß. Die Sonne geht gerade auf und sofort setzt ein leichter Wind ein, der die Kälte vor allem an den Fingern noch verstärkt. Als wir endlich wieder auf dem Fluß sind, sind die Finger schon stark unterkühlt. Vor die Wahl gestellt mit bloßen Händen weiterzufahren oder die noch nassen und mittlerweile gefrorenen Handschuhe zu benutzen, ziehen wir die letzter Alternative vor, die uns wenigstens den Fahrtwind an den Händen erspart. Nach einigen Kilometern trennen wir uns von unserer Zufallsbekanntschaft, den wir nur noch einmal Kurz zu Gesicht bekommen. Die Not ist eben vorüber.

Dann kommt das schönste Stück des gesamten Flusses. Die sogenannten "Thirty-Miles". Sie sind so schön, weil sie sich ständig sehr stark schlängeln und man an dieser Stelle wirklich das Gefühl bekommt, der einzige Mensch weit und breit zu sein. Wir sind von einer Stille umgeben, die einen begreifen läßt, welchem Alltagslärm man bei uns ausgesetzt ist. Hier empfiehlt es sich, einfach mit dem Paddeln aufzuhören und der Natur zu lauschen. Nichts, einfach nichts, außer vielleicht mal einem Fisch, Vogel oder anderem Getier.

Dieser Tag ist einfach ein Genuß. Am Abend schlagen wir unser Lager in unmittelbarer Nähe des Wracks der Klondike auf einer kleinen Insel auf. Für Nachahmer: Links am Wrack vorbei und dann liegt nach wenigen hundert Metern eine längliche Insel im Fluß, wobei der Hauptfluß rechts an der Insel vorbeifließt. Es fängt stark zu regnen an und wir sind froh, daß wir unter hohen und festen Baumkronen wohnen.

Der folgende Tag bringt uns einige Besichtigungshöhepunkte, die man jedem nur ans Herz legen kann. Hootalinqua und das Wrack der Evelyn. Auf der Weiterfahrt sehen wir am Ufer noch einen Elch trinken, der allerdings verschwindet, als er uns bemerkt.

Wrack der "Evelyn"

Das faszinierende an diesen Stätten ist das Gefühl, daß es sich hier um Geschichte handelt, die lange her ist. Wenn man dann allerdings neben einem Schaufelraddampfer steht, der im Prinzip gut erhalten ist, dann fühlt man sich doch sehr stark in die Zeit damals zurückversetzt und kann sich das Leben zur Zeit des Goldrauschs lebendig vorstellen.

Es ist streng verboten, irgendwelche Gegenstände zu entfernen und als "Souvenir" mit nach Hause zu nehmen. Allgemein fällt uns die Sauberkeit und fast nicht vorhandene Verschmutzung auch der touristischen Plätze auf. Wir können auch nur jeden ermutigen und bitten, seinen Müll nicht an Ort und Stelle liegen zu lassen, sondern mitzunehmen, oder besser noch, erst gar nicht zu verursachen.

Die folgenden Tage sind vom ständig selben Tagesablauf ausgefüllt. Paddeln, Lager aufbauen, Feuer machen, kochen und schlafen gehen. Es ist interessant, wie schnell man sich auf die grundlegenden Dinge des täglichen Lebens konzentrieren kann und muß, wenn einem die Natur keine andere Möglichkeit läßt. Aus Gründen der Haltbarkeit haben wir kein Fleisch mit auf die Tour genommen, umso größer ist die gedankliche Gier danach, die dann auch einmal ersatzweise durch das Fangen eines Fisches gestillt wird.

Little Salmon Village

Vorbei an etlichen historischen Stätten, Little und Big Salmon Village, Indianerfriedhöfen, Relikten aus der Goldgräberzeit, die rechts und links des Flusses wie abgestellt herumliegen, nähern wir uns Carmacks, der Endstation unserer Kanutour. Dort ziehen wir unser Kanu an Land und sind trotz der eindrucksvollen Erlebnisse irgendwie erleichtert, wieder in der Zivilisation zu sein.

Carmacks ist ein kleiner Ort, in dem man jedoch die kleinen Dinge des täglichen Bedarfs ohne Probleme kaufen kann. Wir werden abgeholt und nach Whitehorse zurückgefahren, wo wir uns abends erst mal ein richtig fettes Steak gönnen.

Am nächsten Tag geht auch schon unser Flieger nach Anchorage, der nächsten Etappe unserer WELTUMRUNDUNG.

Lesen Sie weiter im

Kapitel 3 - Alaska