Kanada - Alaska - Russland - Weltumrundung 1999

Kapitel 4 - Transsibirische Eisenbahn

Kapitel 1 - Anreise und Kanadischer Yukon Teil 1/2

Kapitel 2 - Kanadischer Yukon Teil 2/2

Kapitel 3 - Alaska

Kapitel 5 - Moskau und Ankunft

 

Noch befinden wir uns auf dem Flughafen von Anchorage in den USA, aber wir haben schon das Gefühl in Rußland zu sein. Ein Taxi hat uns hierher gebracht, zufällig sogar ein russischstämmiger Taxifahrer, wir haben eingecheckt und jetzt warten wir auf das Boarding. Draußen im Regen steht eine viermotorige Iljuschin und um uns herum wird nur russisch gesprochen. Genauso wie wir uns fragen, warum die Leute diese Strecke reisen, werden auch diese Leute sich fragen, was uns dazu bewegt, diese Strecke zu fliegen. Der Taxifahrer hat uns in völligem Unverständnis über den Grund unserer Reise erklärt, wie gefährlich Rußland doch sei.

Die Iljuschin, an der sehr viel genietet ist und an der nur ein ca.30cm langer am Flügel lose während des Fluges herumschlagender Dichtungsgummi uns beunruhigt, bringt uns in einem 9-stündigen Flug sicher über den Nordpazifik, zuerst nach Chabarovsk und dann nach Wladivostok. Dort werden wird von unserem Transfer-Service abgeholt. Eigentlich widerspricht ein solcher Service dem Grundgedanken des Individualreisens, jedoch hat sich auf vielen Reisen durch Asien und Afrika gezeigt, daß dies ein "Luxus" ist, der einem so manche Unannehmlichkeit vor allem zu späterer Stunde und bei nicht kalkulierbaren Verspätungen ersparen kann.

Durch die düster und unheimlich wirkenden Vorstädte von Wladivostok bringt uns unser Transfer in einem ziemlichen Tempo zum Hotel Wladivostok, wo wir im für westliche Touristen reservierten vierten Stock ein gutes Zimmer bekommen. Wir haben etwas mit einem kleinen Kulturschock zu kämpfen. Vor zwölf Stunden noch sind wir in einer vor Überfluß strotzenden Einkaufsmall in Anchorage unterwegs gewesen und jetzt ist um uns herum bittere Armut.

Der nächste Tag bringt uns ein weiteres mal grandioses Wetter. Wir machen einen Stadtbummel, wobei wir uns schon einmal den Bahnhof von Wladivostok anschauen, an dem in der Nacht um 0:00 Uhr unser "Rossia" abfahren soll.

Wladivostok Hauptbahnhof

An den im Hafen liegenden Schiffen vorbei besuchen wir den direkt am Wasser liegenden Hauptplatz von Wladivostok, wenige Meter davon entfernt ist ein U-Boot zur Besichtigung geöffnet, was sich ebenfalls lohnt. Beim weiteren Gang durch die Stadt gehen wir in das Kaufhaus "Gum" der Stadt, wo wir die ersten Erfahrungen mit der russischen Servicementalität machen, die wir uns nur als eine Mischung aus Frust und mangelnder Kenntnis andere Zustände erklären können.

An diesem Tag ist gerade Semestereröffnung und Schulbeginn zugleich, so daß die Stadt voll von Schülern und Studenten ist, wobei letztere ordentlich einen aus der Flasche nehmen und uns freundlicherweise auch daran teilhaben lassen wollen, was wir aus Höflichkeit natürlich nicht vollständig ablehnen. Dabei stellen wir fest, daß unsere Gesprächspartner mehr über den deutschen Fußball wissen als wir. Ihre Begeisterung über die "großen strategischen Leistungen" deutscher Generäle im zweiten Weltkrieg können wir jedoch überhaupt nicht teilen, was auf der anderen Seite wiederum auf Erstaunen stößt.

Gegen Abend suchen wir uns noch ein Restaurant, wo man uns netterweise sogar bedient. Es sollte sich herausstellen, daß die Freundlichkeit der Bedienung auf dem Land wesentlich besser sein sollte, als in den besuchten Städten Moskau und wladivostok.

Gegen 23:30 Uhr werden wir zum Zug gebracht, der dann auch pünktlich um 0:00 Uhr losfährt. Unser Wagen hat zwei Betreuerinnen, sogenannte "Provodniks", die durch ihre besondere Unfreundlichkeit uns gegenüber auffallen, was sich auch nicht ändern sollte. Der Kontakt sollte auf das allernotwendigste beschränkt bleiben. Nach der Erledigung der Formalien erhalten wir unsere Bettwäsche, machen unser Bett für die nächsten sechs Nächte und legen uns schlafen. Vorher genehmigen wir uns einen Schluck aus der Wodkaflasche, die wir uns in Wladivostok noch gekauft haben.

Abteil der 1.Klasse im Zug "Rossia"

Am nächsten Morgen stellt sich die spannende Frage nach dem Frühstück. Etwas idealistisch und illusionär begeben wir uns in den "Speisewagen" und wollen etwas bestellen. Zuerst sind wir über die fast zehnseitige Speisekarte, sogar in deutsch, überrascht. Dann müssen wir aber feststellen, daß nicht wir hier etwas zu bestellen haben, sondern eher die Frage zu stellen haben, was denn überhaupt vorrätig ist. Nachdem man uns Spiegeleier versprochen hat, was dann aber nach einer angeblichen "Katastrophe" in der Küche auch nicht klappt, sind wir mit Butter, Käse und Brot zufrieden. Es bleibt bei diesem einen Besuch im "Speisewagen". In einigen Reiseführern wird behauptet, daß die Besatzung des Speisewagens es vorziehen würde die Lebensmittel auf dem Weg zu verkaufen, weil das mehr Erlös bringen würde, als es an die Fahrgäste zu verkaufen. Unsere Erfahrung scheint dies zumindest nicht zu entkräften.

Die Nahrungsversorgung auf der Transsibirischen Eisenbahn stellt dennoch überhaupt kein Problem dar. In jedem Wagen hängt ein Fahrplan mit allen Haltestationen und Haltezeiten, die auch genau eingehalten werden. Nach einer gewissen Zeit verliert man in diesem Zug das Gefühl für die Uhrzeit und orientiert sich nur noch an der zeitlichen Distanz bis zum nächsten Halt.

Fahrplan in der Transsib

An jedem Halt von mehr als fünf Minuten ist nämlich mit ziemlicher Sicherheit davon auszugehen, daß man bei der scharenweise angereisten ländlichen Bevölkerung etwas zu essen kaufen kann, wobei das Angebot mit der gerade durchfahrenen Region schwankt. Für einen Preis von wenigen Pfennigen erhält man einer netten Bauersfrau exzellente ländliche Küche, größtenteils ganz frisch zubereitet. Es empfiehlt sich auf die Reise einen Teller und Eßbesteck mitzunehmen, da die Waren teilweise direkt aus dem Kochtopf verkauft werden.

Verkauf von Speisen am Zug

Auf diese Weise decken wir uns alle paar Stunden mit den verschiedenen Leckereien der russischen Küche ein und vergessen so schnell die schlechte Erfahrung aus dem "Speisewagen".

Die folgenden Tage bekommen ihre eigene Geschwindigkeit und ihre eigenen Inhalte. Alles wird langsamer, die Dinge des alltäglichen Lebens, wie z.B. Rasieren werden um Tage verschoben. Viel Lesen und Schreiben, aus dem Fenster in die wechselnde Landschaft schauen - es empfiehlt sich aus diesem Grund vor der Abfahrt in Wladivostok die Fenster von außen einmal zu reinigen - alles langsamer und entspannter.

Ein Tag in der Transsib

Wir fahren durch Chabarovsk, Ulan Ude, wo die Strecke in die Mongolei und China abzweigt, am Baikalsee entlang, Perm und unzählige kleinere Orte.

Dorf am Rande der Transsib

Während der Fahrt machen wir zwei Bekanntschaften. Der eine ist ein Abenteurer, der uns in sein Abteil bittet und uns dort eine Bildersammlung von seinen Kanutouren im Altaigebirge zeigt. Phantastische Bilder, die Frage warum die Leute allerdings nach Kanada und nicht dorthin in Urlaub fahren, können wir ihm auch nicht beantworten. Die andere Bekanntschaft ist eine Mutter mit Tochter. Die Mutter ist Ärztin und will nur das Beste für ihre Tochter. Diese war ein halbes Jahr in den USA gewesen, spricht perfekt englisch mit tiefstem amerikanischem Akzent und will unbedingt nach Amerika zurück. Beide haben jedoch Zweifel daran, ob sich das realisieren läßt.

Nach sechs Nächten und sieben Tagen rollt unser Zug pünktlich in Moskau ein. Wir werden von unserem Transfer-Service unfreundlich empfangen. Die Großstadt hat uns wieder.

Wenn sie an den Erlebnissen in Moskau und der Heimfahrt interessiert sind, dann geht´s hier weiter zum ...

Kapitel 5 - Moskau und Ankunft