Kilimanjaro-Überquerung auf der Rongai-Route 1997

Kapitel 1 - Anreise und Überquerung Teil 1/2

Kapitel 2 - Überquerung Teil 2/2 und Abreise

Eigentlich war es am Anfang nur eine verrückte Idee gewesen, aber wir mussten es ja unbedingt wissen. Jetzt sitzen wir auf jeden Fall im Flugzeug von Frankfurt nach Nairobi und sind auf dem besten Wege in den nächsten Tagen den höchsten Berg Afrikas, den Kilimanjaro zu überqueren.

Wir sind eine Gruppe von neun Leuten jeder Altersstufe, die sich zusammengefunden haben, um ein Abenteuer zu erleben, wie es der gut trainierte Normalbürger vielleicht gerade noch unter Erreichung seiner körperlichen Grenzen durchführen kann. Richtig kennenlernen tun wir uns alle erst in Nairobi auf dem Flughafen, wo perfekt organisiert unser Pickup-Service bereits auf uns wartet, um uns in Hotel zu bringen. Dort fallen wir nach einem kurzen Abendessen auch direkt müde ins Bett.

Am nächsten Tag bringt uns alsbald unser Transfer in unser Kibo Slopes Cottage, ein kleines Hotel am Fuße des Kilimanjaro. Der Weg dorthin besteht zu einem großen Teil aus der Hauptverbindungstraße zwischen Mombasa und Nairobi, die regelmäßig während tropischer Regenfälle überschwemmt und somit unpassierbar wird.

Die Cottage liegt auf ca. 1700 m und wir sollen auf dieser Höhe einen ganzen Tag verbringen, um uns etwas zu akklimatisieren. Dennoch sind wir nicht zu Untätigkeit verdammt und können am nächsten Tag eine Safari in den nahegelegenen Amboseli-Nationalpark unternehmen.

Fahrt nach Amboseli - Blick auf Mawenzi und Kibo

Dieser Park ist vor allem wegen seiner vielen Elefanten bekannt und im Laufe des Ausflugs sehen wir neben vielen anderen Tieren auch mehrere Dutzend davon.

Hyäne im Amboseli-Nationalpark

Das Mittagessen ist in einer luxuriösen Lodge mit Pool angerichtet, hier kann man es aushalten. Während des gesamten Tages behalten wir ständig den Kilimanjaro im Blick, der abwechselnd sichtbar und mal in Wolken versteckt ist. Wie eine majestätische Erscheinung erhebt er sich zusammen mit dem kleineren Mawenzi aus der afrikanischen Landschaft hervor.

Amboseli Nationalpark - Blick auf Kilimanjaro

Im Vorfeld der Reise hört und liest man so allerhand Ratschläge über eine Kilimanjaro-Besteigung, da dieser Berg in den letzten Jahren leider immer mehr zum Ziel sehr vieler Touristen geworden ist und jeder - auch die Gescheiterten - betrachtet sich sogleich als Experte. Aus diesem Grund haben wir die Überquerungsroute "Kikeleva-Route" gewählt, das heißt wir besteigen den Kilimanjaro von der Rongai-Seite und erst beim Abstieg treffen wir auf die Marangu-Route "Coca-Cola Route", die von den Massen benutzt wird.

Massai

Direkt nach dem Frühstück werden wir zum Ausgangspunkt der Rongai-Route gebracht. Die Grenzformalitäten Kenia - Tanzania werden recht unbürokratisch in einer Blechhütte im Grenzdorf erledigt. Wir treffen unsere Crew und staunen. Für unsere Gruppe von neun Leuten ist eine Begleitmannschaft von über zwanzig Personen engagiert, die neben einem Großteil unseres Gepäcks auch die Nahrungsmittel und Zelte trägt. Uns beschleicht ein bißchen ein schlechtes Gewissen, da auch zwei Frauen darunter sind, die unseren Ballast übernehmen.

Wir marschieren los. Zuerst geht es durch tropischen Regenwald. Wir machen langsam. "Pole Pole" bekommt man von den Trägern immer gesagt, das heisst "langsam" auf Kisuaheli. Nach wenigen Stunden machen wir eine kurze Mittagsrast, die zu unserem Erstaunen jedoch mit komplett eingedecktem Geschirr und Tischdecke daherkommt. Uns wird langsam klar, was da so alles für uns auf den Berg geschleppt wird.

William, der Guide

Nach wenigen Stunden weiteren langsamen Schreitens schlagen wir, falsch, wird für uns unser Lager aufgeschlagen, das bereits fertig dasteht, als wir endlich auf 2800 m ankommen. Wir verbringen den Rest des Tages unter einem Baum, wo abermals für uns angerichtet ist. Bisher sind keine Verluste oder Beschwerden zu beklagen.

Nach einer gut durchschlafenen Nacht präsentiert sich der Kilimanjaro uns in der aufgehenden Morgensonne. Alsbald wird nach dem Frühstück aufgebrochen, die Zelte baut man wieder für uns ab. Die Geschwindigkeit bleibt langsam, die Vegetation nimmt nur wenig ab, auf 3200 m setzen die ersten Beschwerden in Form von Kopfweh ein. Das Lager wird auf 3600 m aufgeschlagen, wo es uns schon schlecht geht. Einer kotzt ins Gebüsch beim Versuch, ein Aspirin zu schlucken, ein anderer klagt über Fieber. Die Nacht finden wir wenig Schlaf. Der pochende Hammer im Kopf lässt sich einfach nicht ausschalten.

Auf 3600m - üppige Vegetation

Am nächsten Morgen quälen wir uns aus dem Schlafsack, es hat die Nacht auf dem Kili geschneit, der jetzt wie mit Puderzucker bestreut aussieht. Wir wärmen uns am Tee. Viel Trinken ist unerlässlich, am besten ca. 4-5 Liter täglich. Der Tee mit Rußsatz hängt einem zwar schon nach kurzer Zeit zum Hals raus, die Alternative wäre aber, über noch mehr Kopfschmerzen klagen zu müssen. Wir laufen abermals los. Das Tempo nimmt ab und das Feld zieht sich auseinander. Ein Guide bleibt jedoch immer beim letzten Mann unserer Gruppe. Die Träger ziehen mit mehr als doppelter Last und schlechterer Ausrüstung als wir im doppelten Tempo an uns vorbei. Die Frage nach dem Sinn des ganzen drängt sich uns auf. Zugleich macht sich ein gewisser Fanatismus breit. Wir wollen um jeden Preis auf diesen Berg.

Unser Team beim Spaghetti kochen

Nach einer Mittagspause, in der wir ein weiteres mal Teigwaren und Bananen in der Sonne sitzend zu uns nehmen, setzen wir zum letzten Teilstück des Tages an. Dieses führt uns im dichten Nebel direkt an den Fuß des Mawenzi auf 4300 m. Einigen geht es richtig schlecht und sie verkriechen sich auch alsbald im Zelt. Das Abendessen wird mehr aus Einsicht der Notwendigkeit, denn aus Appetit zu sich genommen. Die Nacht finden wir kaum Schlaf, der Ruhepuls liegt bei über 100, das Hämmern im Kopf ist an den Schläfen deutlich zu spüren. Der Körper sagt "Steig aus !". Wir tuns dennoch wider alle Vernunft nicht.

Kili vor der Überschreitung des Grates

Der nächste Morgen begrüßt uns mit Sonnenschein und wir können jetzt auch den Mawenzi erkennen, der am Vorabend noch im Nebel gelegen hatte. Wir haben einen exzellenten Ausblick auf die afrikanische Steppe, fast wie aus dem Flugzeug. Heute steht die Überquerung des Sattels zwischen Mawenzi und Kibo an, eine Durststrecke. Abermals zieht sich die Gruppe auseinander. Das Schritttempo ist mittlerweile sehr langsam, die Strecke zieht sich unglaublich und die Sonne brennt uns wahnsinnig auf die Schädel. Das letzte Stück wird zudem noch ziemlich steil, Nebel zieht auf und es macht sich Verzweiflung breit. Dieser verdammte Scheißberg, wieso sind wir nicht für die Hälfte des Geldes doppelt so lange in die Karibik an den Strand geflogen ? Der Kampf gegen den inneren Schweinehund ist enorm, wir wollen aber immer noch da oben hin, das muss doch zu schaffen sein. Der Guide beschwichtigt uns "Itīs only five minutes, come on". Es gibt ohnehin kein zurück und nach einer Stunde erscheint dann auch die Hütte unserer Veranstalters auf 4800 m im Nebel. Mit letzter Kraft wird die Tür geöffnet und wir schmeißen uns auf das doch für diese Höhe erstaunlich komfortable Bett. Eigentlich ist uns klar, daß wir aufhören müssten, zumal uns nur wenige Stunden Schlaf zur Verfügung stehen, bevor wir um 0:00 Uhr zum Gipfelsturm aufbrechen sollen. Ein Ruhepuls von knapp 160 in der nicht durchschlafenen kurzen Nacht sollte dies eigentlich nur bestätigen.

 

Ob wirīs dennoch gewagt haben, erfahren Sie im Kapitel 2 - Überquerung Teil 2/2 und Abreise ...