Auf Schienen durch 8 afrikanische Länder - 1995
Kapitel 1
Für dieses Jahr haben wir uns etwas ganz Besonderes ausgedacht. Wir wollen die längstmögliche Eisenbahn-Reise Afrikas in Süd-Nord-Richtung in Angriff nehmen. Cecil Rhodes, der mächtige englische Kolonisator träumte einst von einer britischen Landbrücke Kap – Kairo, die auch durch Schienen verbunden werden sollte. Ganz ist diese Verbindung nicht zu Stande gekommen, es gibt zwischen Assuan und Wadi Halfa (Sudan) und Waw (Sudan) und Kenia zwei Lücken, aber ansonsten ist die Strecke durchgehend befahrbar - wenn auch nicht immer im Personenverkehr.
Wir – das sind Ernst, Ingrid und Martin, das sind auch ein Eisenbahner, eine Realschullehrerin und ein Wirtschaftsingenieurstudent, die sich diese nicht ganz alltägliche Reise vorgenommen haben. Also auf, Afrika wir kommen!
Donnerstag, 13. Juli 1995
Wie alle unsere Reisen beginnt auch diese auf dem Dorfbahnhof von Limbach (b. Homburg/Saar) mit der Fahrt in der Regionalbahn eine ganze Station weit nach Homburg. Hier steigen wir bei 35° C in den EC „Gustave Eiffel“ um, der uns nach Frankfurt bringt, von wo wir mit der S-Bahn zum Flughafen gelangen. Wir werden von der Lufthansa sogar in Business-Class eingecheckt. Wir genießen die bessere Sitzqualität und den besonderen Service. Über den Alpen ein erstes Gewitter und langsam schlafen wir Afrika entgegen.
Freitag, 14. Juli 1995
Ein weiteres Gewitter war uns in der Nacht über Afrika vergönnt, ohne dass es unseren Flug beeinträchtigt hat. Es war einfach ein optischer Augenschmaus, ebenso der Sonnenaufgang. Wir landen in Johannesburg zwischen. Pünktlich starten wir wieder, sehen kurz danach das Große Loch von Kimberley und landen dann in Kapstadt.
Wir werden von einer vom Reisebüro beauftragten Taxifahrerin abgeholt, die uns in einer etwa einstündigen Fahrt in das südlich von Kapstadt gelegene Simonstown bringt und uns dort in dem gemütlichen Familienhotel „Lord Nelson Inn“ absetzt. Wir haben schöne Zimmer mit Blick auf die False Bay. Den Rest des Tages schlendern wir durch den kleinen Ort, suchen den südlichsten Prellbock Afrikas am Ende der S-Bahn von Kapstadt auf und schauen uns die Yachten in dem kleinen Hafen an.
Samstag. 15. Juli 1995
Der Tag beginnt sehr gut. Early Morning Tea um 8:00 im Bett, um 8:30 Champagner-Frühstück, wir lassen’s uns gut gehen. Pünktlich wird uns auch ein nagelneuer Nissan-Mietwagen überbracht, die bisher gefahrenen Kilometer entsprechen exakt der Entfernung Kapstadt – Simonstown.
Wir fahren zuerst zur Boulders Bay, wo wir die kleine Pinguin-Kolonie gut beobachten können. Weiter geht es zum Kap der Guten Hoffnung, wo wir auf dem Parkplatz von einer kleinen etwas aufdringlichen Affenherde begrüßt werden. Mit einem Kleinbus geht es schließlich die letzten Meter hinauf zum Aussichtspunkt, von wo wir einen herrlichen Blick auf das Kap der Guten Hoffnung und auf das Cape-Point und natürlich auf die zusammen brandenden Wellen des Atlantischen und Indischen Ozeans haben – es ist wirklich ein faszinierendes Schauspiel, von dem man sich kaum losreißen kann.

Und trotzdem geht es weiter, kilometerlang auf der atlantischen Seite nordwärts auf der in den Felsen gehauenen Straße des Chapman’s Peak Drive fahren wir an die Talstation der Tafelbergseilbahn, von der wir nach ¾ stündiger Wartezeit in einer Kabine auf den fast 1100 m hohen Tafelberg schweben, Wir hatten eine herrliche Sicht auf das unter uns liegende Kapstadt und ... ziemlich kaltes, stürmisches, ungemütliches Wetter hier oben, so dass es uns bald wieder nach unten zog.
Das sehr gute Abendessen in unserem Hotel, begleitet von Leuchtspurmunitions-Schießübungen der südafrikanischen Marine, trägt sicherlich nicht dazu bei, auf dieser Reise abzunehmen. Ein schwieriges Gespräch unseres seit kurzem in russisch etwas bewanderten Sohnes mit einem leicht betrunkenen russischen Trawlermatrosen an der Bar gehört auch zu den Reminiszensen dieser Reise.
Sonntag.
16. Juli 1995
Nach einem ausgiebigen Sektfrühstück wollen wir um 10:40 in Biggsy’s Speisewagen des 1. Klasse-Abteils der S-Bahn nach Kapstadt unseren lukkullischen Morgen fortsetzen. Leider ist der Speisewagen durch eine Gruppe vollständig besetzt.
Der Hauptbahnhof von Kapstadt hat zwar 30 Gleise, begrüßt uns aber an diesem Sonntagmorgen mit einer gähnenden Leere. Wir schlurfen durch menschenleere und autovolle Straßen zur Waterfront, einer Amüsiermeile im Hafen, in etwa vergleichbar Fisherman’s Wharf in San Francisco. Viele Boutiquen, Restaurants, Hafenrundfahrten, Souvenirläden und Kleinkünstler gibt es hier, wir verbringen einen ganzen Nachmittag voller Kurzweil, der Tafelberg hüllt sich derweil in Wolken.
Mit der S-Bahn fahren wir um 15:20 wieder zurück, in unserem Speisewagen tafelt noch die gleiche Gruppe des Vormittags, wenigsten reicht es diesmal zu einem Barbesuch mit der Verköstigung von gutem südafrikanischem Wein.
Montag,
17. Juli 1995
Mit einem Transfer erreichen wir wieder den Bahnhof, wo immer noch nicht viel los ist. Wir sehen den „Trans-Karoo“ nach Johannesburg aus- und den „Southern Cross“ aus Port Elizabeth einfahren.
Dann werden an Gleis 1 Gartenstühle, -tische und –schirme aufgestellt – Empfangsszenario für die Reisenden des „Blue Train“. Wir trinken Sekt und erhalten unsere Schlafwagenabteile zugeteilt, während unser Gepäck schon dorthin verbracht wird.
Dieser Zug ist wirklich exzellent. Vorzüglicher Service, bestes Essen, aufmerksames Personal und eine sehr schöne Einrichtung. Leider bevölkern nur mal gerade 36 Fahrgäste für diese Reise den Zug. Zum Mittagessen speisen Martin und ich vorzüglich schmeckende Krokodilschwänze. Am Hex River durchfahren wir den 13,6 km langen, gleichnamigen Tunnel.
In Matjesfontain – Militärzentrale der Engländer im Burenkrieg – hält der Zug für eine Stunde, Gelegenheit den als Freilichtmuseum hergerichteten Ort zu besichtigen. Danach schon wieder Abendessen in Anzug mit Krawatte, mit Apéritif und Digéstif an der Bar – alle Getränke sind inclusive.
Den ganzen Tag geht die Reise durch karge, rostbraune Landschaft, das Karoo, selten unterbrochen durch eine Stadt. Es regnet stark und es ist sehr kalt.
Dienstag,
18. Juli 1995
Ingrids 51. Geburtstag. Wir beginnen ihn mit einem fürstlichen Frühstück im Speisewagen des „Blue Train“.
Johannesburg empfängt uns mit blauem Himmel und klirrender Kälte. Es empfängt uns außerdem mit einem seit 22 Jahren in Johannesburg lebenden Holländer, der uns direkt an unserer Wagentür erwartet. Mit einem VW-Bus fährt er uns durch die Innenstadt, dort leben nach seinem Bericht nur Schwarze, abends nach 18:00 sei die Innenstadt „weißenfrei“.
In Gold Reef City empfängt uns Jemma, eine fließend deutsch sprechende gebürtige Aserbeidschanerin. Sie führt uns durch die alte Stadt, erzählt uns interessante Gründungsgeschichten, über den Reichtum der Leute um die Jahrhundertwende. Alles kam aus Europa, wurde in Kapstadt angelandet und dann mit Ochsengespannen 1500 km nach Johannesburg gebracht. Wir fahren auch in ein Bergwerk ein, das tiefste ist heute 4000 m tief. Außerdem sehen wir unter strengen Sicherheitsauflagen eine Demonstration des Gießens von Gold.
Gegen 16:30 holt uns der Holländer wieder ab und bringt uns zum Bahnhof. Bis zur Abfahrt unseres Zuges kaufen wir noch am nahe gelegenen Busbahnhof unser Busfahrscheine für die Fahrt nach Sun City in 4 Tagen. Bei eisiger Kälte steigen wir in den Zug „Komati“ nach Maputo in Mocambique über Pretoria ein. Dabei lernen wir den Zuweisungsmodus der reservierten Plätze für Eisenbahnreisen kennen. Man erhält nämlich beim Fahrscheinkauf und bei der Reservierung nur die Bestätigung, dass die gewünschte Platzart reserviert ist, aber noch nicht die Wagen- und Platznummer. Die erfährt man erst vor Abfahrt des Zuges in einem Schaukasten auf dem jeweiligen Bahnsteig. In einer ausgehängten Liste sucht man sich die Wagenart, die man gebucht hat (z.B. Schlafwagen) und sucht unter dieser Rubrik seinen Namen, hinter dem Namen findet man dann die Wagen- und Platznummer. Das System funktionierte von Südafrika bis Kenia in allen 8 bereisten Ländern einwandfrei.
Wir haben 2 Zweibettabteile für uns Drei zur Alleinbenutzung. Im Speisewagen essen wir ein lauwarmes Essen und trinken in unseren Abteilen noch 2 Flaschen Piccolo aus dem „Blue Train“ als Abschluß von Ingrids Geburtstag.