Kapitel 2
Mittwoch,
19. Juli 1995
Pünktlich kommen wir in Komatipoort an, Abfahrt aus unersichtlichen Gründen mit 20 Minuten Verspätung. An der südafrikanischen Grenzstation Lebombo müssen wir alle aussteigen und auf die Ankunft der südafrikanischen Zoll- und Grenzkontrolle warten. Diese kommt auch nach geraumer Zeit in der Gestalt einer einzigen Person, d. h. ca. 400 Reisende warten stumm und ergeben, aber mit ziemlichen Groll im Herzen und im Kopf auf eine Person, die nun ihre Tätigkeit aufnahm, die schließlich zu einer Verspätung von 1,5 Stunden führt. Währenddessen freunden wir uns mit 2 Mocambiquanern, Michael und einem in Halle studierten Journalisten an.
Schließlich fährt der Zug über eine Grenze, die dem früheren Eisernen Vorhang zwischen der Bundesrepublik und der DDR in nichts nachsteht, offensichtlich befürchtet das relativ wohlhabende Südafrika immer noch das Einsickern von Arbeitskräften aus Mocambique, einem der ärmsten Länder der Welt. In Ressano Garcia verläuft die Grenz- und Zollkontrolle relativ chaotisch, jedoch schnell; es entsteht keine weitere Verspätung. Als wir einem Mocambiquaner einen Kugelschreiber schenken, sagt Michael nur „Scheiße, Scheiße, Scheiße“, .......... worauf er auch einen bekommt.

Endlich geht es weiter. Vorbei an im Bürgerkrieg zerschossenen Häusern, gesprengten Eisenbahnwagen, Lehmrundhäusern und Slums mit durchweg freundlichen Bewohnern erreichen wir mit 1,5 Stunden Verspätung um 12:15 Maputo. Unsere für eine kurze Besichtigung der Stadt zur Verfügung stehende Zeit ist damit auf maximal 30 Minuten geschrumpft, denn um 13:00 wollen wir wieder nach Nelspruit in Südafrika zurückfahren.
Mit Hilfe des Journalisten vereinbaren wir mit einem Taxifahrer einen Preis von 20 US$ (danach lachte wahrscheinlich halb Maputo über die einfältigen Europäer). Wir fahren durch die Innenstadt zum Indischen Ozean, dort verbleibt sogar noch etwas Zeit zum Handeln und Erstehen von 2 Krügen, und sind pünktlich am Bahnhof zurück, wo der Zug „Komati“ natürlich nicht pünktlich abfährt.
In Komatipoort fährt der Zug nach einem Lokwechsel, der 75 Minuten dauert, mit 2 Stunden Verspätung ab. Die Stimmung in unserer 3-er Gruppe beginnt merklich zu kippen. Schließlich einigen wir uns beim Abendessen im Speisewagen darauf, uns über solche Dinge nicht mehr zu ärgern, da wir anderenfalls überhaupt nicht nach Afrika hätten fahren dürfen. Und siehe da, in Nelspruit haben wir nur noch 90 Minuten Verspätung, unser Transfer ins Hotel Promenade, dem früheren Rathaus, wartet auf uns und bringt uns sicher dorthin, wo auch schon der für morgen gemietete Pkw abgestellt ist.
Donnerstag.
20. Juli 1995
Mit unserem Mietwagen fahren wir durch ausgetrocknete Landschaft und wegen der vielen über die Straße springenden Kinder sehr vorsichtig durch kilometerlange Streusiedlungen der schwarzen Bevölkerung zum Numbi-Gate des Krüger-Nationalparks.
Fünf Stunden fahren wir nun durch offene und geschlossenen Savanne, mitten durch Zebras und Giraffen, aber auch vorbei an einzelnen Elefanten und einem Krokodil, das gerade einen Büffel verspeist, an Warzenschweinfamilien, an einzelnen Flusspferden in Seen, Tümpeln und Flüssen, an weißen Seeadlern u.v.a. Der Anblick der vielen Tiere in freier Wildbahn ist überwältigend.

Als die Dämmerung einbricht, kommen wir im Camp Berg en Dal durch einen Erdwall und Stacheldraht vor den wilden Tieren geschützt, an, wo wir eine schöne 3 Personen-Cottage bewohnen. Nach dem Abendessen sitzen wir noch ganz verzaubert unter dem klaren afrikanischen Sternenhimmel – ein Himmel., wie wir ihn nur hier, in der Sahara und in Australien erlebt haben.
Wegen der drohenden Malariagefahr schlafen wir heute Nacht in unseren Moskitonetzen – sicher ist sicher – schließlich wird es auch von der Parkverwaltung empfohlen!
Freitag,
21. Juli 1995
Gegen 9:00 verlassen wir unsere schöne Hüttenanlage und streben über Sand- und Schotterstraßen dem Wasser zu.
Bevor wir den ersten Wasserlauf erreichen, fällt uns eine große Ansammlung von Autos auf, deren Insassen angespannt alle in dieselbe Richtung starren. Wir brauchen schon eine Anleitung und viel Zeit, um den Anlass des Volksauflaufes zu erkennen: als kleiner Punkt ist im lichtem Wald ein ruhender Gepard zu erkennen. Als wir zur besseren Inaugenscheinnahme unser Auto verlassen, ist sofort ein Park-Ranger zur Stelle, der uns höflich, aber bestimmt, darauf hinweist, dass dies nicht erlaubt ist (You are not allowed).
Die Fahrt zum Wasser hat sich gelohnt. Eine mächtige Löwin kreuzt vor uns die Straße, wir sehen eine äsende und spielende Elefantenherde, am Flussufer eine dösende Nilpferdfamilie, umherziehende Wasserbüffel und viele Vögel.
Um 17:00 sind wir wieder in unserem Hotel. Wir betreten dieses durch ein Spalier junger, hübscher, in lange weiße Abendroben gekleideter Mädchen, man glaubt fast als Gast zu einer Miß-Wahl eingeladen zu sein; allerdings auch ein starker Kontrast zu den Siedlungen der Schwarzen, die wir kurz zuvor noch durchquert haben!
Nach dem guten Abendessenbuffet sind wir um 20:00 am Bahnhof, wer nicht da ist, ist unser Avis- Agent zur Rücknahme des Mietwagens, wie es vereinbart war und unser Zug, der angeblich 2 Stunden Verspätung hat. Was tun? Zurück ins Hotel? Wir wollen nach allen Warnungen jedoch nicht mit Ingrid durch die dunkle Stadt laufen ! Also setzen wir Ingrid in der Bahnhofshalle inmitten eines Kreises von schwarzafrikanischen Frauen, die wohl auf Handelsreise sind, dort halten wir sie für absolut sicher. Wir fahren derweil ins Hotel, überlassen diesem die Rückgabe des Wagens, und laufen zurück zum Bahnhof, wo Ingrid immer noch sicher inmitten der Händlerinnen sitzt.
Mit 1 h 20 min Verspätung kommt der Zug „Komati“ aus Maputo an, wir erhalten wieder 2 Schlafwagenabteile für uns. Bei einem Kontrollgang schaut der Zugführer nur kurz durch die Abteiltür, bemerkt „äh, Linderman“ und verzichtet auf jede weitere Fahrscheinkontrolle.
Samstag,
22. Juli 1995
Mit 1 Stunde Verspätung kommen wir gegen 7:00 in Johannesburg an und laufen mit unserem Gepäck die ca. 700 Meter zum Busbahnhof (Später erhalten wir wegen unser „Alleinwanderungen“ durch Kapstadt, Nelspruit und Johannesburg in Gesprächen mit Einheimischen Vorwürfe wegen sträflicher Vernachlässigung von absolut notwendigen Sicherheitsregeln).
Nach einem mäßigen Frühstück in der Rotunda fährt dort unser Bus nach Sun City um 9:00 ab. Mit ziemlich hohem Tempo legt unser Fahrer die 180 km lang Strecke ohne Rücksicht auf Verkehr, Strassenzustand und Geschwindigkeitsbeschränkungen zurück.
Sun City ist eine künstliche Stadt, inmitten trockener Savanne errichtet. Warum? Nun, im „weißen“ Südafrika war das Glücksspiel verboten, aber nichtsdestotrotz natürlich beliebt. Also kam man auf die Idee, das Glücksspiel in den formell unabhängigen, tatsächlich jedoch von Südafrika abhängigen Homelands der Schwarzen zuzulassen. In diese Homelands strömten dann die Weißen, um dem Glücksspiel frönen zu können. Nach Ende der Apartheid und Übergang der Macht an die Schwarzen wurden die Homelands wieder aufgelöst und die Glückspielstätten beibehalten.

In Sun City ist vieles möglich, natürlich zuallererst das Spielen in vielen Varianten. Dann kann man auf einem künstlichen See Boot fahren und hinter dem Boot Paragliding betreiben. An einem Kunststrand mit künstlich erzeugten Wellen kann man baden und auf einer Brücke gibt es alle 15 Minuten ein künstliches Erdbeben. Als ob sie daheim nicht schon genug Erdbeben hätten, strömten zu diesem Ereignis vornehmlich die Japaner. Ansonsten werden auch viel „normale“ Sportarten angeboten wie Tennis, Reiten, Mountain Biking, Golf usw.
Wir sind im Hotel Cabanas untergebracht, von den 3 Hotels das mit dem geringsten Glücksspielangebot – glücklicherweise. Das genaue Gegenteil unseres Hotels ist der Palace of the lost City, ein Hotel im Maharadscha-Stil, eine Glücksspielhölle der Superlative, allein die Bingohalle ist schon wegen des Lärms fast unbeschreiblich.
Sonntag,
23. Juli 1995
Nach einem geruhsamen Vormittag in der hektischen Glitzerwelt dieses Spielerparadieses findet der Fahrer eines Mercedes 230 zuerst unser Gepäck und dann uns. Er ist extra die 180 km von Johannesburg hierher gefahren, um uns die ca. 200 km nach Gaborone in Botswana zu bringen, wo es mit der Eisenbahn dann weitergeht.
Die Fahrt ist auf asphaltierter Straße problemlos, ebenso der Grenzübertritt. Wenn etwas auffällt, dann sind es die dick vermummten Fahrer, die im Freien auf den motorisierten Fahrgestellen von LKW deren Überführung zur Endmontage des Führerhauses und der Pritsche bewältigen. Dies ist nach Rückfrage die preiswerteste Art der Herstellung. Im übrigen hinterlässt Botswana im ersten Eindruck den eines wirtschaftlich im Moment aufstrebenden Landes.
Dann hinterlässt jedoch unser Fahrer den Eindruck von uns drohender Gefahr. Unser Ziel ist natürlich der Bahnhof. Er steuert jedoch zunächst das Hotel Gaborone Sun an. Er will uns nicht stundenlang als einzige „white faces“ am Bahnhof sitzen lassen und begründet dies auch mit seinem Auftrag, uns sicher am Bahnhof abzusetzen. Nach dem Verzehr einer Zwischenmahlzeit bringen wir ihn soweit, zunächst einmal die Situation am Bahnhof zu erkunden. Dieser erscheint auch uns nicht besonders einladend, jedoch sind die Menschen zu uns freundlich. Die Fahrkartenverkäuferin frägt mich sofort, ob ich „Mr. Linderman“ mit der Reservierung sei.
Zurück nun ins Sheraton. Um 19:00 verabschieden wir fast gegen seinen Willen unseren Fahrer, die 2 Stunden am Bahnhof werden schon vorübergehen und er hat in der Nacht ja auch noch fast 400 km Heimweg nach Johannesburg vor sich. Er lässt sich jedoch die sichere Ankunft am Bahnhof bescheinigen und meiner Frau erklärt er, während ich gerade im Bahnhof abwesend bin, klipp und klar, dass er seiner Familie niemals so etwas zumuten würde. Dies bleibt natürlich nicht ganz ohne Auswirkung auf das innerfamiliäre Betriebsklima.
Aber es geschieht nichts Gefährliches. Im 1. Klasse Wartesaal gesellen sich bald 2 Italiener zu uns (Vater und Tochter, er arbeitet in einem Ausbesserungswerk der Mocambique-Eisenbahn, früher in einer Klinik in Tanzania). Sie wollen ab Francistown zum Okavango trampen, so schlimm kann’s wohl nicht sein, das innerfamiliäre Arbeitsklima wird wieder besser, allerdings belastet die Warnung vor Daressalam etwas dessen Zukunft („Es ist ja toll, nur auf seinen Überfall zu warten“).
Unsere Reservierung
ist o.k., wir haben wieder 2 Zweibettabteile zur Alleinbenutzung. Pünktlich um
21:00 setzt sich der vollklimatisierte Zug in Richtung Zimbabwe in Bewegung.
Montag,
24. Juli 1995
Fast pünktlich kommt unser Zug mit gerade noch vielleicht 30 Reisenden in Bulawayo gegen 12:15 an. Im Bahnhof sollte uns ein Mr. Dick die notwendigen Reiseunterlagen für die Weiterfahrt nach Victoria Falls und nach Zambia übergeben, jedoch zeigt sich kein Mr. Dick. Als ich mich deswegen an den Bahnhofschef wende und mich zudem als deutschen Eisenbahner, also als Kollegen, zu erkennen gebe, bewahrheitet sich wieder einmal der Spruch, dass alle Eisenbahner eine Familie seien.
Ziemlich bestimmt erklärt er telefonisch dem örtlichen Reisebüro, was unter Kundenfreundlichkeit zu verstehen ist und innerhalb kurzer Zeit sind zumindest die Schlafwagenreservierungen für die nächtliche Fahrt nach Victoria Falls bei uns und damit ist die Weiterfahrt gesichert.
Mit dem Taxi fahren wir zum Hauptquartier der NRZ (National Railway of Zimbabwe), das uns im Vorfeld der Reise einen Besuch des alten Dampflokdepots zugesagt hatte. Problemlos erhalten wir alle drei die Genehmigungen und fahren weiter in das Depot, nicht ohne daß wir gegenüber vom Hauptquartier in einer Schweizer Bäckerei von den zufällig entdeckten Schillerlocken genascht haben.
Im Depot zeigen wir dem Chef unsere „Indemnity“, erwarten nun als korrekte deutsche Beamte wegen der von Lokomotiven ausgehenden Gefahr die Gestellung einer Begleitperson ....... doch nichts dergleichen. Der Chef sieht unsere Formulare und sagt nur „Go“ ........ und das Depot steht uns zur Verfügung.

Das Depot ist deshalb so interessant, weil zu dieser Zeit die stärksten in Betrieb befindlichen Dampflokomotiven der Welt dort in großer Anzahl beheimatet sind. Und dabei handelt es sich nicht um normale Dampflokomotiven, sondern fast ausschließlich um die der Sonderbauart „Beyer Garrat“. Das sind Loks mit 2 Triebwerken, die gelenkig innerhalb eines Rahmens gelagert sind. In Höhe des vorderen Treibwerks befindet sich der Wasserbehälter, in der Mitte befindet sich der Dampfkessel mit Führerhaus und über dem hinteren Triebgestell der Kohletender. Riesige Behandlungsanlagen für Wasser, Sand und Kohle prägen das Depot und natürlich die vielen Loks. Es riecht nach Dampf, Rauch und Öl. Als die Lokbesatzungen unser Interesse bemerken, fahren sie mit angelegten Bremsen an, um so für die Videoaufnahmen das Geräusch einer schwer arbeitenden Lok zu bieten. Leider prägen auch viele abgestellte Loks das Bild, denn langsam geht auch in Zimbabwe die Zeit der Dampflok zu Ende. Über 2 Stunden genießen die 2 Männer der Familie den Anblick der rauchenden und zischenden 200 – 250 Tonnen schweren Ungetüme und der weibliche Teil freut sich an der Freude des männlichen Teils.
Um 19:00 verlassen wir in einem alten hölzernen Schlafwagen der NRZ mit aufgesetzten Oberlichtern Bulawayo. Die Fenster weisen noch die eingeätzten Initialen der Kolonialzeit auf – RR – Rhodesian Railway.