Kapitel 3
Mit 50 Minuten Verspätung kommen wir in Victoria Falls an. Ein UTC-Agent fährt uns in das etwas außerhalb gelegene Elephant Hills Hotel, eine Hotel der Superklasse. Eine offene Rezeption, selbst im Hotel kleine Wasserfälle, ein herrlicher Ausblick auf die Gichtfontäne der Victoria-Wasserfälle, sehr gutes Essen usw.
Bald fahren wir mit dem Shuttle-Bus des Hotels zurück nach Victoria Falls und streben dort natürlich den Wasserfällen zu. Eine Beschreibung kann zwar die physikalischen Gegebenheiten leicht wiedergeben, wie 104 Meter Fallhöhe in eine 70 m breite und 1,7 km lange Schlucht; wesentlich schwieriger ist es die Stimmung zu diesem Schauspiel wiederzugeben. Wie die Wassermassen des Sambesis mit lautem Getöse in die Schlucht stürzen, wie sich über dem Wasserfall eine ca. 150 Meter hohe Gichtwolke bildet, wie ein wechselnder Regenbogen über dem Schauspiel steht, wie die Gichtwolke in unmittelbarer Umgebung einen tropischen Regenwald in der sonst trockenen Savannenlandschaft hat entstehen lassen und wie sich die Wassermassen durch drei weitere Schluchten ihren Weg bahnen.
Zur Stimmung gehört auch die kombinierte Eisenbahn-Straßen-Brücke deren Gitterkonstruktion sich über die Schlucht wölbt, von der sich Bungee-Springer in die Tiefe stürzen. Es ist wirklich ein faszinierendes Schauspiel, von dem es schwer fällt, sich los zu reißen.

Am Nachmittag kommt die telefonische Nachricht aus Harare, dass unsere Weiterfahrt bis nach Lusaka in Sambia gesichert ist. UTC, das unsere Reise organisierende Reisebüro, hat in Sambia keine eigenen Agenturen, musste also Eagle Tours mit der Organisation des sambischen Teils beauftragen. Eagle Tours wiederum erklärt sich zur Herausgabe der Reiseunterlagen nur bei Vorauszahlung bereit. Eine Blitzüberweisung aus London nach Lusaka hat unsere Weiterreise sichergestellt.
In der Dämmerung wollen wir einen Spaziergang über den vor dem Hotel liegenden Golfplatz zum Sambesi unternehmen. Das Hotelpersonal warnt uns vor den zu dieser Tageszeit möglichen Löwenkontakten, freut sich diebisch, als wir auf dem Absatz kehrt machen und beschleunigten Schrittes ins Hotel zurückkehren – vielleicht haben sie uns auch nur an der Nase herumführen wollen. Unsere hastige Rückkehr führt mitten durch eine Warzenschweinfamilie, die gerade den Hotelrasen umpflügt, uns jedoch ungehindert passieren lässt. Am guten Abendbuffet probieren wir Elenantilopenfleisch – es schmeckt vorzüglich!
Mittwoch,
26. Juli 1995
Am Morgen gegen 7:30 holt uns der UTC-Agent ab und übergiebt uns nach Durchqueren der zimbabwischen Grenzstation und Überqueren des Sambesis auf der schon erwähnten Brücke an der sambischen Grenze dem Agenten von Eagle-Tours. Dieser händigt uns die Eisenbahnfahrscheine nach Lusaka aus und bringt uns zum Bahnhof von Livingstone.
Wir sind auf dem Bahnhof und im Zug die einzigen Weißen. Der Zug und das Abteil sind schmuddelig, gerade so an der Grenze zum Ertragbaren. Schon bei der Ausfahrt aus Livingstone fährt der Zug über krumme Gleise schwankend wie ein Schiff in stürmischer See, selbst für hart gesottene Eisenbahnfans immer am Rande des Entgleisens.
Den ganzen Tag sehen wir Savanne, Rundhütten, winkende, freundliche, schmutzige Kinder, Frauen mit Babys auf ihrem Rücken. Unser Wagen ist an vorletzter Stelle vor dem Gepäckwagen eingereiht, so dass wir das Ent- und Beladen beobachten können. Möbel, Holz, vor allem massenweise volle Hühnerkäfige, die wild übereinander gestapelt werden, Säcke, ganze Wohnzimmereinrichtungen mitsamt Blumentöpfen, Spiegel ...... Schließlich wird noch ein Gepäckwagen angehängt. Als dies erledigt ist, wird in Choma auf die Besitzer dieses tollen Besitztums gewartet, die nach geraumer Zeit in einer Nobelkarosse vorfahren und in unserem 1. Klasse-Wagen Platz nehmen; Ergebnis: 70 Minuten Verspätung. Man munkelt in unserem Wagen, dass es sich um eine Ministerfamilie handeln muß.
Als es dunkel wird, versinkt auch der ganze Zug in Dunkelheit, nirgends in 13 Wagen ein Licht. Mit 1 ¾ Stunden Verspätung kommt der Zug in Lusaka an. Beim Aussteigen starren uns wartende Menschen hinter Gittern an, andere liegen in Decken eingehüllt auf dem kalten Bahnsteigboden. Für uns steht wieder ein Agent bereit, der uns in das Holiday Inn bringt, wo das Management unser Hotelzimmer schon vergeben hat und unser Agent plötzlich nicht mehr zu sehen ist. Sie wollen uns sogar fortschicken, aber wir bleiben hart, und schließlich bekommen wir ein Zimmer mit Doppelbett und Martin 2 Sessel und einen Stuhl, die wir zu einer Liege zusammen binden.
Ein Bier im lauten Irish Pub des Hotels, wo die Jeunesse dorée von Lusaka verkehrt, beendet diesen Tag.
Donnerstag, 27. Juli 1995
Schon beim Frühstück ruft die Chefin von Eagle Tours an und fragt nach, wie es nun weiter gehen solle. Wir dagegen sind zunächst einmal an der Aufklärung über die verpatzte Reservierung interessiert. Sie erklärt uns, dass sie die Zimmer vor 6 Wochen reserviert und vor 3 Tagen bezahlt habe und nennt dafür einen exorbitanten Preis.
Wenn wir nur etwas cleverer gewesen wären, hätten wir uns nun diese Summe auszahlen lassen und wären damit zu einem Taxifahrer gegangen und hätten uns die 200 km nach Kapiri Mposhi fahren lassen und hätten dabei noch einige Hundert Dollars gut gemacht. Stattdessen lassen wir uns auf eine Diskussion über die Verrechnung der beiden Leistungen ein, wobei wir den kürzeren ziehen und nochmals 200 US $ Dollars draufzahlen.
Sicherlich sind wir noch nie im Leben so geneppt worden, aber letztendlich ist es uns egal; wir wollen die Fahrt geregelt haben. Die weitere, geplante Reise mit der ZR (Zambian Railway) von 21:05 bis 2:40 von Lusaka nach Kapiri Mposhi und 2 – 3 Stunden Verspätung in einem lichtlosen Zug kommt für uns nach den gestrigen Erfahrungen nicht in Frage!
Wir werden dann von Eagle Tours abgeholt und lernen deren sehr souveräne Chefin kennen, irgendwie schafft sie es sogar, dass wir ihr nicht böse sind. Hinter ihrem Schreibtisch hängt im übrigen der Spruch: „Es gab schon viele, die Gott um 11:00 suchen wollten und die um 10:30 gestorben sind !“.
Schließlich fahren wir mit unserem sicheren Fahrer über ziemlich gute, wenig befahrene Straßen durch die Savanne nach Kapiri Mposhi. Dort erwartet uns ein für die Umgebung angemessenes Hotel freundlichst. Der Manager kümmert sich selbst um uns und klärt uns darüber auf, dass er beim Reisebüro in Lusaka persönlich angerufen habe mit der Bitte, doch den „Lindermans“ den Nachtzug auszureden, eine Ankunft um ca. 5:00 und Weiterfahrt um 13:45 sei doch zum Relaxen zu wenig. Auch die Eisenbahnfahrscheine hat er schon besorgt.
Vor dem Hotel geht die stark befahrene Straße von Sambia nach Tansania und Zaire mit einem hohen Anteil an Schwerlastverkehr durch. Im Ort teilt sich die Straße in die beiden Äste nach den oben genannten Ländern.
Wir wagen uns dann auf den Markt von Kapiri Mposhi vor unserem Hotel. Ärmliche Hütten, nur wenige feste Häuser prägen das Bild. Die Menschen sind sehr freundlich, nicht aufdringlich und akzeptieren sofort, wenn man ein Angebot nicht akzeptieren will.

Zurück im Hotel ein erster „Bar“-besuch, das Abendessen, ein zweiter „Bar“-besuch, wir fühlen uns in der Atmosphäre des sehr einfachen Hotels mit seinem freundlichen Manager sehr wohl.
Freitag,
28. Juli 1995
Nach einem verbummelten Vormittag werden wir von unserem Hotel freundlich verabschiedet und zum neuen Bahnhof von Kapiri Mposhi gebracht. Dieser ist sauber, kastig viereckig und entspricht wirklich den chinesischen Normbahnhöfen.
Die blauen Wagen der TAZARA (Tanzania Zambia Railway Authority) wurden auch in China gebaut und sind dementsprechend chinesisch eingerichtet. Dies ist eigentlich normal - schließlich entsprechen von deutschen Ingenieuren im Ausland gebaute Eisenbahnen im Erscheinungsbild auch in vielen Bereichen ihren Vorbildern in unserem Land - wenn man in diesen Wagen nicht den Eindruck hätte, dass die Chinesen alles im Verhältnis der chinesischen Normalspur von 1435 mm zur afrikanischen Kapspur von 1067 mm verkleinert hätten. Im Seitengang muß man sich schon arg klein machen, ja verrenken, um durch die sehr niedrig angelegten Fenster einen Blick in die Landschaft zu werfen. Zuerst sind wir entsetzt über das schmuddelige 1. Klasse-4-Bettabteil (auch in China gibt es in der 1. Klasse nur 4-Abteile), dann haben wir uns daran gewöhnt, die Bettwäsche ist zum Glück sauber. Nach einer ersten Sichtung des Zuges sind wir wieder die einzigen weißen Fahrgäste.

Pünktlich fährt der Zug ab und bald rast er durch die Landschaft, kurzzeitig unweit der Grenze zu Zaire. An den Bahnhöfen bieten die Kinder und Frauen Obst, Früchte, Fische, Kartoffeln, Cola .... zum Kaufen an. Da der Speisewagen für uns 3 militante Nichtfischesser nur Fisch im Menüangebot hat, verlassen wir diesen wieder, bekommen aber von unserem aufmerksamen Schaffner Chicken ins Abteil gebracht !
Samstag,
29. Juli 1995
Gegen 6:30 erreichen wir die Tansanische Grenze, schon Stunden vorher findet im fahrenden Zug die Kontrolle durch die sehr freundlichen sambischen Grenzer statt. Auch die tansanische Kontrolle ist problemlos, es wird aber tatsächlich der Impfpass auf die Durchführung der vorgeschriebenen Gelbfieberimpfung geprüft.
Den ganzen Tag fahren wir bergan und bergab durch Savanne, immer pünktlich. An einem Bahnhof hält der Zug nur zur Verproviantierung der Reisenden an. Eine „laute“ Palette von Nahrungsmitteln wird angeboten, wir kaufen Bananen. Danach ein Besuch im Speisewagen, was gibt’s? Chicken with rice! Zum Abendessen im Abteil greifen wir wieder auf die Hilfe des Schaffners zurück. Was gibt’s? Chicken with rice!
Sonntag,
30. Juli 1995
In der Nacht bekommen wir in unser 4-Bett-Abteil noch einen deutschen Mitschläfer aus Hamburg, der sich zwecks Unterstützung in einem Missionskrankenhaus aufhält. Pünktlich auf die Minute kommt der Zug nach 1860 km im pompösen Bahnhof von Daressalam an.
Nach dem Bezug unserer Zimmer im Hotel Agip blicken wir auf die in der deutschen Kolonialzeit gebaute Hauptkirche Daressalams, die ihre Herkunft ebenso wenig verleugnen kann wie die Bahnhöfe an der TAZARA ihre chinesische Herkunft. Spontan beschließen wir am Gottesdienst teilzunehmen. Zuerst sehen wir Pkw der Oberklasse anfahren, die Fahrer übergeben den abgestellten Wagen einem Jungen zur Obhut, der während des Gottesdienstes auch das Putzen und Waschen desselben gegen einen Obolus übernimmt. Freundlich werden wir in der Kirche empfangen, man überreicht uns die Gesangbücher und zeigt uns auch die zu singenden Lieder auf. Wir haben in der letzten Reihe Platz genommen, wo sich langsam eine „weiße“ Gesangsreihe bildet, die bald mit starker Stimme alle Lieder mitsingt, die Melodien sind oft bekannt und wir merken sehr schnell, dass das Kisuaheli so ausgesprochen wird, wie wir es lesen. Der Gottesdienst dauert 2 Stunden, es wird viel gesungen und geklatscht, zum Schluß wird der Gottesdienst „hinausgetragen“, indem alle aus der Kirche schreiten und der Pfarrer den Segen vor dem Kirchenportal erteilt.
Daressalam selbst kommt uns als ein – man verzeihe uns das Urteil – schmutziges, armseliges, vermodertes (Seeräuber-)Nest vor. Wir wagen den Weg zum Bahnhof der Tansanian Railway (TR), von dem wir in einigen Tagen an den Victoria-See abfahren wollen. Er ist in einem katastrophalen Zustand, die Gleise schwach, die Wagen schmutzig, die Menschen schauen uns entgeistert an, was wir hier wohl zu suchen haben.

Zurück auf der Terrasse bekommen wir von einem Deutschen, der hier am Bau des Sheraton-Hotels arbeitet, Räubergeschichten erzählt. 80 % Arbeitslosigkeit, Diebstahl aus Hunger, Arbeitslohn 2,70 DM/Tag auf der Baustelle, Kidnapping, Totschlag, Verschwinden von Amerikanern, Raubmord ...... 2/3 der Familie denkt an die Warnung der Italiener im Bahnhof von Gaborone ...... und beschuldigt den Planer der Reise, sie unnötig in Gefahr zu bringen ! Außerdem erhalten wir Informationen über den (angeblichen?) Verbleib von Entwicklungshilfe, die in den Bau von Ministerhäusern fließt.