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Montag, 31. Juli 1995

Etwas haben sich die Nerven von den gestrigen Katastrophenmeldungen wohl beruhigt, denn wir wag­en uns heute in östliche Richtung von unserem Hotel und besuchen als erstes die National­ga­lerie. Diese ist insgesamt enttäuschend, für unsere Verhältnisse schlecht beschrieben – selbst die in vielen Reiseführern hoch gelobte Halle der Menschheit ist zu einem Drittel ausgeräumt.

 

 

Zeichen der deutschen Geschichte in der Nationalgalerie

 

Danach gehen wir zum Meer, schauen zum 3. Mal auf dieser Reise auf den Indischen Ozean. Zurück gehen wir durch das Gelände des Krankenhauses, vorbei an Schlafsälen mit 50 Betten. Dann kommen wir zur 100 Jahr-Feier der Deutschen Apotheke mit Beteiligung des tansanischen Staats­prä­si­denten und des deutschen Botschafters, werden zur Feier eingeladen, die wir aber auf Grund eines sprachlichen Missverständnisses nicht annehmen.

 

Wir haben hier schon einige Male versucht, In- und Auslandsgespräche über Telefon zu führen, keines kam zu Stande – außer einem einminütigen Gespräch nach San Diego in Kalifornien, das dann prompt 45 US $ kostete. Auch ein Fax nach Saarbrücken geht heute durch, ansonsten heißt es immer: „the line is busy“, das Telefonnetz scheint also absolut überlastet.

 

Dienstag, 1. August 1995

Wir wollen heute mit dem Tragflächenboot einen Tagesausflug zur Insel Sansibar unternehmen. An der Verkaufsstelle für die Tickets sollen wir 3 Personen dafür 210 US $ berappen, das ca. 10-fache als die Einheimischen. Dieser Unterschied erscheint uns nun doch etwas hoch, die Gesellschaft ist bereit, uns 1 Freiperson zu gewähren, aber selbst 140 US $ ist uns noch zuviel. Schließlich schaltet sich die Chefin des Verkaufsstandes ein und meint, dass Tansania ein Entwicklungsland sei und wir müssten soviel als Entwicklungsbeitrag bezahlen. Wir machen ihr klar, dass sogar in Deutschland 140 US $ für 2 Stunden Schiffstransport ein überhöhter Preis sei, dass von „Müssen“ überhaupt keine Rede sein kann und verzichten auf den Ausflug; irgendwie kommen wir uns auch nach dem 1 Minuten-Telefon­gespräch nach Kalifornien für 45 US $ abgezockt vor.

 

Wir spazieren wieder an den Strand des Indischen Ozeans, sitzen unter einem großen Baobab (Affenbrotbaum), der sich hierher verirrt hat, beobachten die Fischer beim Auswerfen und Einziehen ihrer Netze und sehen ohne Wehmut die Tragflächenboote nach Sansibar ausfahren. Nach 75 Minuten härtester Verhandlung ist Martin am Ziel seiner Wünsche, er ersteht im Umkreis des Hotels ein wunderschön geschnitztes Rhinozeros, auf das er seit Beginn des Hauptstadtaufenthaltes sein begehrliches Auge geworfen hat.

 

Am Abend essen wir im Hotel beim „göttlichen Chalist“ (Werbung in der Hotelbroschüre), na ja, gut war’s, aber bestimmt nicht göttlich. Als wir danach auf der Hotelterrasse sitzen, frägt uns der vorbei­kommende Wise, ob wir ihn zu einem Bier einladen wollen. Wir wollen, er ist Journalist, wir  kommen auf den Gottesdienst am Sonntag zu sprechen, es stellt sich heraus, dass er Presbyter in einer Vorort­gemeinde von Daressalam ist. In den von uns besuchten Gottesdienst dürften wir doch nicht gehen, meint er, hierhin gingen nur die Reichen, die Ministerialbeamten, die Händler und Fabrikanten. In seinen Gottesdienst müssten wir kommen, der wäre noch richtig urtümlich afrikanisch. Sie hätten einen Gottesdienstbesuch von 95 % der Gemeindemitglieder, wer 2-3 Mal nicht zum Gottesdienst käme, werde aus echter Sorge um sein Wohlergehen von einem Gemeindemitglied besucht, um Hilfe anzubieten. Als wir von unserer Gottesdienstteilnahme von 5 – 7 % berichten, meint er nur, dass er da wohl zu einer „Crusade“ nach Deutschland kommen müsse. 

 

Mittwoch, 2. August 1995

Heute ist unser zusätzlicher Tag in Daressalam, ausgerechnet am langweiligsten Ort der Reise müssen wir einen Tag länger verbringen als geplant, weil der gestrige Zug an den Victoria-See ausge­bucht war. Eigentlich verbringen wir diesen Tag nur mit Warten auf die Abfahrt des Zuges. Schon am Vormittag bringt uns unsere UTC-Agentin die nach einer Fahrpreiserhöhung korrigierten Fahrscheine.

 

Wir wollen einige Kleidungsstücke, die nach europäischen Maßstäben auf dieser Reise ihre Restnut­zungszeit überschritten haben, unserem Etagenboy schenken, er ist ganz glücklich, nimmt die Sa­chen, kommt aber nach kurzer Zeit mit einer von ihm vorbereiten Erklärung zur Eigentumsübertragung zurück, die wir bitte unterschreiben mögen, damit er nicht des Diebstahls bezichtigt werden kann.

 

Um 16:00 holt uns die Agentin vom Hotel ab und bringt uns zum Bahnhof. Was nun folgt, könnte der Schriftsteller Ionescu – wenn es nicht so ernst wäre – ohne Schwierigkeiten als Vorlage für eine sku­rile Satire verwenden. Kurz vor dem Bahnhof entledigt sich unsere Agentin ihres gesamten Schmuckes und ihrer Armband­uhr und lässt diese in ihrer Handtasche verschwinden, uns bittet sie desgleichen zu tun (allerdings hatte es Ingrid „versäumt“, nach Afrika Schmuck mit zu nehmen). Dann bittet sie uns im engsten Gän­se­marsch mit ihr vom Auto zur Reservierungsliste und von dort zu unserem Wagen zu laufen. Also laufen wir 4 fast Rücken an Bauch die ca. 300 Meter, bis wir unser Abteil erreicht haben.

 

Wir haben in 2 Zweibettabteilen mit Verbindungstür 3 Betten, wir erwarten daher in einem Abteil einen Mitschläfer. Als wir unsere Abteile betreten, sitzen in einem Abteil schon ein Vater mit bangem Blick und sein Sohn. Der Vater sitzt nur im Abteil, um die Reisebegleitung seines Sohnes Andrew, eines Tiermedizin­stu­den­ten, zu inspizieren. Als sie uns sehen, geht ein Strahlen über beide Gesichter, "one sorrow less" sagt der Vater, die auf dem Bahnsteig stehende Mutter atmet hörbar auf und auch uns fällt ein Stein vom Herzen. Die Agentin schärft uns noch ein, bei allfälligen Nacht­kontrollen der Polizei, diese auf den Mor­gen zu vertrösten (als ob dies so einfach wä­re). Dann er­mahnt uns Andrew, nicht in den Speisewagen zu gehen, dort träufele man uns Schlafmittel in das Essen, um uns später ungestört ausrauben zu können. Zu guter Letzt kommt noch ein Schaffner und verteilt Holzkeile, mit der wird die Schiebefenster der Abteile in der Nacht von innen verkeilen sollen, um ein Öffnen von außen zu verhindern.

 

Nachdem wir nun gegen alle Gefahren der Reise hinreichend gewappnet erscheinen, können wir uns so richtig auf die Abfahrt unseres Zuges freuen. Die ist für 17:00 vorgesehen, gegen 17:30 strömen immer noch Reisende in unseren Zug, um 17:45 fahren wir mit ca. 1000 Reisenden ab ..... in den Güterbahnhof, wo wir rangieren und sich einige Güterwagen zu uns gesellen, dann geht es zurück, mit dem Zugschluß auf eine Drehscheibe, wo noch ein Güterwagen angehängt wird und um 18:15 sind wir wieder am Bahnsteig. Die Reisenden strömen immer noch, wir fragen uns, wie viel Hunderte von Reisenden nicht mitgekommen wären, wenn der Zug pünktlich abgefahren wäre.

 

Schließlich fahren wir wirklich um 18:30 mit 90 Minuten Verspätung ab. In flotter Fahrt bewegt sich der Zug auf Mwanza zu. Wir haben die Tür fest verschlossen, jedem Klopfen an derselben wird zuerst mit einer Ge­sichts­kontrolle durch das Türfenster begegnet. Zum Schlafen verkeilen wir vorschriftgemäß die Fen­ster und stellen die Koffer vor die Tür ..... na dann, gute Nacht !

 

Donnerstag, 3. August 1995

Heute „nur“ Zug, Savanne, Steppe, ausgetrockneter Boden, Affenbrotbäume, Bahnhöfe, Leute, die am Zug etwas verkaufen wollen, Sonne, Hitze, verflogene Bedenken über die fehlende Sicherheit, arme Dörfer mit Rundhütten, wenig Wasser, Frauen, die zu den Brunnen laufen, Frauen, die Brennholz sammeln, Wohlfühlen in unseren 2 mit einander verbundenen Abteilen des renovierten Schlafwagens .......... eigentlich stimmt das „nur“ nicht; es zieht den ganzen Tag eine äußerst bunte Palette prallen afrikanischen Lebens an uns vorüber.

 

 

Im Zug zwischen Daressalam und Mwanza

 

Höhepunkt des Tages ist sicherlich der Halt in einem einsamen Bahnhof zur Essensaufnahme. Die umliegend lebende Bevölkerung hat über die gesamte Länge des Zuges von ca. 500 Meter eng ge­drängt einen Essenstand nach dem anderen aufgebaut, wir nennen es die längste Theke der Welt, sind uns einig, dass Düsseldorf da nicht mitkommt.

 

 

"Die längste Theke der Welt" - Essensverkauf am Zug

 

Dazwischen, um das Bild zu vervollständigen, eini­ge die ganze Sze­ne überragende Mas­sai mit halbbloßem Oberkörper. Es ist ein märchenhaft schönes Bild und Erlebnis, wie es eben nur die Eisenbahn bieten kann, in solchen Augenblicken wird man gewahr, dass sich die Reise nur wegen dieser Augenblicke lohnt.

 

Am Abend haben wir 3 Stunden Verspätung ............. aber spielt Zeit in diesen Situationen eine Rolle ? Wir kommen in Tabora an, wo der Zug in zwei Teile zum Victoria-See nach Mwanza und zum Tanganjika-See nach Kigoma getrennt wird, was über 3 Stunden dauert; erst nach Mitternacht fährt unser Zugteil zum Victoria-See weiter.

 

Freitag, 4. August 1995

Das Rangieren heute Nacht dauerte deshalb so lange, weil die Wagen nach Kigoma und Mwanza nicht in 2 Blöcken im Zugverband liefen, sondern völlig ungeordnet auf den ganzen Zug verteilt waren. Zwischen Martin, der diese Vorgehensweise leicht bemängelt, und tansanischen Jugendlichen, die gemeinsam auf dem Bahnsteigboden sitzend diesen Vorgang beobachten, entsteht folgender Dialog.

 

Tansanier: „Ihr müsst uns eben aus Deutschland Geld schicken, damit sich das bei uns ändert.“

Martin: „Das ist keine Frage des Geldes, das ist eine Frage der Organisation.“

Tansanier: „Dann müsst Ihr eben die Leute ausbilden, dass sie das ändern.“

Martin: „Dazu braucht Ihr nur einen Mann mit gesundem Menschenverstand im Bahnhof von Daressalam.“

 

Wie dem auch sei (vielleicht spielt Zeit doch auch auf dieser Reise eine Rolle), mit 4 Stunden Ver­spätung kommen wir in Mwanza an, einer bunten Stadt mit z.T. noch ungeteerten Straßen. Ein Agent von Fortes Tour wartet auf dem Bahnhofsvorplatz auf uns und bringt uns zum Reisebüro. Hier er­wartet uns der indischstämmige Besitzer, der uns die Schiffsfahrkarten für die Überquerung des Victoria-Sees aushändigt und uns eröffnet, dass der Fahrer uns zum Grumeti-River-Camp bringen werde, dort mit uns die Game-Drives unternehmen werde und in 2 Tagen dann mit uns wieder nach Mwanza zurückkehren werde. Wir haben also 3 Tage einen 4WD Land-Rover mit Fahrer, womit wir gar nicht gerechnet hatten – also vom Feinsten. Das Problem ist nur, dass wir zwar einen allgemeinen Voucher für unsere Gesamtreise haben, aber keinen Voucher für diese Leistungen von Fortes Tour. Als der Inder jedoch hört, dass UTC diese Reise organisiert, verzichtet er auf weitere Nachfor­schungen, UTC sei "very good", da käme er schon zu seinem Geld.

 

Schließlich verlassen wir auf staubigen, schlaglochübersäten Straßen Mwanza, durchschnittliche Ge­schwin­digkeit 30 km/h, fahren teilweise durch brennende Savanne, die Bewohner der durchfahrenen Dörfer versuchen verzweifelt ein Übergreifen der Flammen auf ihre Strohhütten zu verhindern. Ab Nyanguge ist die Straße besser.

 

 

Ausfahrt aus Mwanza

 

Gegen 15:00 erreichen wir das Ndabaka-Gate des Serengeti-National-Parks, wo uns ein Pärchen um Mitnahme bittet, da sie den Bus durch die Serengeti verpasst hätten; unser Fahrer lehnt jedoch eine Mitnahme ab, da wir bald von der Hauptroute abzweigen und ein Zurücklassen mitten im Park unzulässig, weil zu gefährlich ist. Der Eintritt in den Park kostet für uns 3 übrigens 120 US $, was jedoch bereits in unserem Reisepreis enthalten ist. Unser Fahrer Patrick klappt das Oberdeck des Rovers auf und unsere Safari beginnt.

 

Zuerst Gnus, dann Giraffen, Strauße, Zebras; es ist herrlich, man kann in der Ebene meilenweit sehen – es überkommt uns wirklich ein Glücksgefühl, dies alles erleben zu dürfen ! Gegen 16:00 nähern wir uns unserem Camp, wir erwarten den Erdwall mit Stacheldraht, wie wir ihn vom Krüger-Park zum Schutz unserer wertvollen Körper kennen und brauchen, nichts dergleichen erscheint, plötz­lich sind wir mitten im Camp.

 

Es begrüßt uns Giorgio, ein Italiener. Wir erhalten 2 Zelte im Abstand von 50 Meter, die beide unter jeweils einem Strohdach aufgebaut sind. Hinter dem Zelt, aber noch unter dem Strohdach eine Dusche mit Wasser aus einem Behälter, der am nebensteh­endem Baum hängt und eine Toilette – auch das alles sehr schön. Das Camp kann 20 Gäste beher­bergen, tatsäch­lich wohnen z.Zt. nur 12 Personen hier. An der offen Bar und im Restaurant hören wir das Schnaufen der Hippos, die im 50 m entfernten Grumeti-River leben. Dazu das Geschrei der Hyänen – wundervoll !

 

Giorgio will mit uns am Tisch essen. Er erzählt uns, dass dies das schönste Camp seiner beruflichen Laufbahn ist. Auf die Sicherheit vor den wilden Tieren angesprochen, erklärt er, dass er sich hier mehr vor den Menschen fürchte als vor den Tieren. Uns quälen zunächst aber ganz kleine Tiere – wir werden ziemlich von Fliegen gestochen, hoffentlich ist nichts Schlimmes dabei.

 

 

Im Grumeti-River-Camp

 

Endlich werden wir von einem Mitarbeiter mit umgehängtem Gewehr zu unseren Zelten geleitet, das Geschnaube eines Tieres in der Umgebung unseres Zeltes begleitet unser Einschlafen, ein letzter Kontrollruf zum Nachbarzelt unseres Sohnes mit dessen Erwiderung und wir sind eingeschlafen.

 

Samstag. 5. August 1995

Nach einem kärglichen italienischen Frühstück fahren wir mit unserem Game-Driver Patrick über die Steppe. Tausende von Gnus ziehen jetzt nach Westen, begleitet von Hunderten von Zebras und Ga­zel­len. Geier freßen gierig, was am Wegrand liegen bleibt. Schnaufende, speiende Hippos kühlen sich in Tümpeln, wir nähern uns ihnen vorsichtig bis auf ca. 8 Meter, Krokodile ziehen durch die Flüsse oder liegen erstarrt im Sand.

 

 

Am Hippo-Pool in der Serengeti

 

Gegen Nachmittag fahren wir durch die endlos abgebrannte Steppe, bis wir auf eine riesige Zebra­her­de stoßen, die davon galoppiert. Und wir sehen die phänomenale Wirkung der Aasfresser. Bei der Rückfahrt von dieser Tour kommen wir wieder an der Stelle vorbei, wo ca. 2 Stunden vorher eine kleine Gazelle verendet war. Nur noch vollkommen abgezehrte Knochen zeugten vom ehema­ligen Leben des Tieres.

 

Unser Patrick zeigt sich als ein äußerst versierter und interessierter Führer. Er kennt sich mit den Tieren, aber auch mit der Geschichte des Parks und dem Anteil der beiden Grzimeks an derselben sehr gut aus und ist außerdem an der geschichtlichen Entwicklung Deutschlands nach der Wieder­ver­ei­nigung sehr interessiert. Er wird uns in den 3 Tagen des Zusammenseins zu einem wirklichen Freund.

 

Am Abend zeigt uns Giorgio auf seinem Laptop den Sternenhimmel, denn wir dann mit der Realität vergleichen. Dem schließt sich ein intensives Gespräch über die bessere Vermarktung des Grumeti-River-Camps an. Dann werden wir wieder unter Waffenschutz zum Zelt geleitet, es grunzen die nahen Hippos und es heulen die Hyänen ........

 

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